Ilse Wilhelm // Feldenkrais Hamburg

Musiker-Dystonie

Ganzheitliches Retraining mit der Feldenkrais-Methode

„Wer sich vor allem auf seine Willenskraft verläßt, wird viel Kraft für Handlungen brauchen, die er ebenso mit viel weniger, aber richtig gesteuerter und dosierter Kraft ausführen könnte. Es soll nicht einfach eine Handlung durch eine andere ersetzt werden, es gilt vielmehr, die Art und Weise zu ändern, wie sie ausgeführt wird.“ ~ Moshé Feldenkrais

Es beginnt damit, dass ein Finger nicht tut, was er immer gekonnt hat: schnelle Läufe, Arpeggien, schwierige, komplexe Bewegungen, die man lange mit größter Präzision geübt hat, sind nicht mehr möglich, auch nicht durch konzentrierte Willenskraft und noch mehr Üben. Manchmal sind es auch zwei Finger, die sich nur noch gemeinsam bewegen, während Bewegungen ohne Instrument völlig störungsfrei verlaufen. Beim Spielen eines Blasinstruments kann entsprechend die Lippenmuskulatur betroffen sein, die dann beim Spielen nicht mehr willkürlich eingesetzt werden kann.

Nach dem derzeitigen Stand der Forschung wird angenommen, dass eine fokale Dystonie durch eine mangelhafte Hemmung der Aktionspotentiale in den Nervenzellen ausgelöst wird. Es ist denkbar, dass sich überlappende Bewegungsmuster entstehen in Hirnarealen, die individuell für bestimmte Bewegungen zuständig sind. Dadurch können Bewegungen nicht mehr differenziert ausgeführt werden. Teilweise werden auch bei spezifischen Bewegungen die jeweiligen Gegenspielermuskeln mit aktiviert, so dass die Bewegungsabläufe gestört sind.

Erste schwache Anzeichen solcher Störungen sollte man auf keinen Fall ignorieren. Auch wenn sie normalerweise nicht einmal Schmerzen machen, sollte man sie sofort ärztlich klären lassen, denn eine Fokale Dystonie verschwindet nicht von selbst. Eine Umorganisation ist möglich, z.B. mit der Feldenkrais-Methode. Je eher man sie beginnt, desto weniger Zeit beansprucht sie.

Das Auftreten einer fokalen Dystonie betrifft Musiker im Vergleich zur übrigen Bevölkerung überdurchschnittlich häufig und steht oft mit einer “Übertrainierung“ in zeitlichem Zusammenhang, so dass es sich lohnt, das Übeverhalten näher zu betrachten. Auf welche Art und Weise wird geübt? Mit welcher Motivation oder Überlegung? Gibt es eine besondere körperliche oder charakterliche Konstitution der Übenden? Wie werden die Kräfte eingesetzt?

Die Feldenkrais-Methode bietet die Möglichkeit, die Repräsentation von Bewegung im Gehirn (Plastizität des Gehirns) auf veränderten Wegen zu reorganisieren. Es werden neue, angenehme und befriedigende Erfahrungen mit dem eigenen Körper gemacht, während die „beschädigte“ Funktion für eine Weile aus dem Fokus der Aufmerksamkeit genommen wird, damit die überreizte Gehirnregion zur Ruhe kommen kann.

In der ersten Phase der Umorganisation werden in einer Serie von Lektionen in Funktionaler Integration (passives Bewegtwerden) und Bewußtheit durch Bewegung (aktive Bewegung unter verbaler Anleitung) zunächst die Selbstwahrnehmung, die Fähigkeit zur Spannungsregulierung und die Atmung verbessert. Erst dadurch wird es möglich, feinste Bewegungen wirklich zu differenzieren, d.h. mit dem Gefühl zu erkennen und absichtlich auszuführen, um sie anschließend in eine Funktion zu integrieren. Bei Dystonien von Finger, Hand und Arm werden dabei besonders Bewegungen des Kopf-Nacken-Bereichs, des Rückens, Beckens und der Füße neu organisiert und integriert. Beim Lippenkrampf richtet sich die Aufmerksamkeit verstärkt auf den richtigen Gebrauch des Beckenbodens, der Körperhaltung und der Atmungsorganisation. Eine bessere Arbeitsverteilung bezieht die Muskeln der Körpermitte mehr mit ein, so daß Arme, Hände, Finger, Lippen ihre Feinarbeit mit weniger Kraft und physiologisch richtig ausführen können. Die ausgewählten Feldenkrais-Lektionen sind auf die Wünsche und Bedürfnisse der Musiker abgestimmt. Statt „Übungen“ gibt es zusätzliche Aufgaben zur Selbst-Wahrnehmung. Beim Instrument  ist vorerst Zurückhaltung angesagt.

In der zweiten Phase kann die Musikerin/der Musiker den Umgang mit sich selbst und dem Instrument schon ganz anders gestalten als jemals zuvor: einfühlsamer, erforschender und gelassener. Es wächst auch die Einsicht, dass Bewegung erfühlt und nicht „erkämpft“ werden sollte. Der Zugang zur ganzheitlichen, intuitiven Bewegungssteuerung erfordert eine Art von Spürsinn, den man in jeder Feldenkrais-Stunde trainiert, und der  wirklich verstanden und akzeptiert werden muss, damit es nicht zu Verkrampfungen und Selbstbehinderung durch willensgesteuertes Üben kommt, denn Krafteinsatz, Disziplin und „sich zwingen“ sind gefährliche und unkluge Mittel, wenn man vorankommen will. Mit Feingefühl und Selbstrespekt erreicht man mehr und fühlt sich wohl dabei, hat Spaß und fühlt den „Flow“! Die Fähigkeit, hochkonzentriert und mit Ausdauer zu arbeiten, sollte in eine gute Balance gebracht werden mit Ruhepausen und respektvoller Selbstorganisation.

Die neu gelernte Beweglichkeit setzt der Musiker ein, um beim Instrumentalspiel mehr Leichtigkeit zu finden. Er beginnt selbst die Umorganisation seiner Spieltechnik. Er lernt, mit Hilfe der neu gewonnenen Sensitivität seinen eigenen Weg zu finden.

Die dritte Phase dient der stressfreien Annäherung an die frühere Spielfähigkeit, während noch weiter feinste Spielbewegungen ausgefeilt werden und die Körperstatik zur verlässlichen Grundlage innerer Sicherheit ausgebaut wird. Da neue Fähigkeiten erlangt werden, kann das Spiel schließlich das frühere Können noch übertreffen.

„Die Zeit, die man auf Selbstbeobachtung beim Handeln verwendet – und jedes Handeln ist Bewegung  – ist geringfügig, gemessen an der Verfügbarkeit und Gewandtheit des Könnens, die dadurch entstehen.“                     ~ Moshé Feldenkrais