Ilse Wilhelm // Feldenkrais Hamburg

Einblick in die Wirkungsweise

„Mich interessieren nicht bewegliche Körper, sondern bewegliche Gehirne“    Moshé Feldenkrais
Gedanken einer Feldenkrais-Lehrerin über eine Lern-Methode, die nichts „lehrt“, und die Besonderheiten ihrer Wirkungsweise.

Dr. Moshé Feldenkrais hat bei der Entwicklung seiner Methode nicht nur sein Wissen als Physiker, Ingenieur und Judomeister, sondern auch Erkenntnisse aus der Psychologie, Pädagogik, Kybernetik, Kindesentwicklung und vielen weiteren Wissensgebieten zusammengeführt. Diese umfassende Sicht hat zur Entwicklung einer Methode geführt, mit der Menschen ihre Verhaltensweisen nachhaltig verändern können.

In einer Lektion lautet seine Anweisung z.B. „wenn es dir schwer fällt, mach es sanfter, langsamer, und nach einigen Wiederholungen wird es sich organisieren.“ Er sagt nicht, „dann wirst du wissen, wie du es organisieren kannst.“ Dieser Satz weist bereits darauf hin, dass die Verbesserung oder Neu-Organisation von Bewegungsfunktionen ein Lernvorgang des Nervensystems sein muss.

Feldenkrais-Lehrer sehen ihre Aufgabe darin, interessante und hilfreiche Lern-Situationen zu kreieren, aus denen heraus Lernen geschieht. Vorzugsweise anknüpfend an bereits vorhandenes Können soll eine Bewegungsaufgabe von angemessener Schwierigkeit gestellt werden. Ein nachhaltiger Lernerfolg wird erreicht, wenn die Lösung vom Lernenden selbst entdeckt wird. Eine vorhandene gute Funktion noch weiter zu verbessern, lässt den Patienten einen Erfolg erleben, und die optimierte Funktion kann als gutes Lern-Vorbild dienen, lässt sich gut auf die andere Körperseite übertragen und wird immer auch die Beweglichkeit anderer Stellen erleichtern.

Die Feldenkrais-Methode ist somit ein ergebnissoffener, nicht zielorientierter Prozess, ein Lernen, wie man lernt. Die Arbeit mit dieser Methode schaut nicht nur auf die Defizite, sondern benutzt zur Wiederherstellung von Funktionen die vorhandenen Ressourcen und positiven Aspekte der jeweiligen Situation.
„..um zu lernen, braucht man Zeit, Aufmerksamkeit und Unterscheidungsvermögen. Die Bewegung jedes Körperteils hat eine gleichzeitige Umorganisation und Bewegung der anderen Stukturen des Körpers zur Folge, also eine Bewegung des ganzen Körpers, die ein neues Gleichgewicht herstellen soll.“  Moshé Feldenkrais

Wichtig ist, Bewegung beim Erproben nicht sogleich als gut/schlecht, richtig/falsch zu bewerten. Wir geben Hinweise, überlassen es aber dem Patienten, seine Empfindungen zu beobachten und dem zu folgen, was er selbst als leicht und passend erkennt. Das führt zu nachhaltigen und präzisen Lern-Erlebnissen und erleichtert die Integration neu gefundener Bewegungen.

Vielleicht zeigen sich hierin schon zwei Unterschiede zu anderen Methoden:
1. Wir arbeiten in vielen Fällen nicht direkt am Problem, sondern suchen weiträumig Funktionen zu verbessern, die den problematischen Bereich entlasten.
2. Wir ermutigen den Patienten, seiner eigenen inneren Wahrnehmung zu vertrauen. Sie ist eine wertvolle Grundlage für die Selbstorganisation.

Auch Reiz-Verminderung zur Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit ist typisch für die Feldenkrais-Methode. Wenn die Sonne scheint, bemerkt man das Licht einer Kerze nicht. Wie viele Kerzen braucht es am hellen Tag, um einen Helligkeitsunterschied wahrzunehmen und wie groß ist die Wirkung einer einzigen Kerze bei Dunkelheit? Das Reduzieren bestehender Reize ist wirksamer für die Wahrnehmung als die Steigerung der zusätzlich erzeugten Reize.

Entsprechend werden feine Bewegungsunterschiede deutlicher fühlbar, wenn man die Bewegungsreize Geschwindigkeit, Krafteinsatz und Weg zunächst immer weiter verringert. Sind die Unterschiede vollständig wahrgenommen und „verstanden“, so dass die Bewegung flüssig verlaufen kann, dann kann man diese Komponenten sowie die Richtung variieren.

Veränderung durch einen organischen Lernvorgang setzt Sicherheit voraus, deshalb sorge ich zuerst dafür, dass der Patient in einer „sicheren“ Lage das Organisieren seiner „Haltung“ aufgeben kann. Gleichzeitig entspricht das einer starken Verringerung der „Grundreize“, so dass auch eine sehr geringe Veränderung der Lage, Haltung oder Bewegung wahrgenommen werden kann. Dann arbeite ich in erster Linie darauf hin, dass der Patient nach der Stunde eine natürliche Aufrichtung und ein mobiles Gleichgewicht erlebt und diese Veränderung auch als eine positive erkennt, so dass sich auf der Grundlage anhaltender Sicherheit und Balance die Fühlfähigkeit weiter entwickeln kann.

Nicht zu unterschätzen für das Gefühl von „Sicherheit“ ist die Qualität der Berührung, die der Patient im günstigen Falle als ruhig und unterstützend, im ungünstigen Fall als hastig oder zu heftig erleben kann. Entsprechend wirkt im verbal angeleiteten Gruppenunterricht die Qualität der Stimme und die Wortwahl. Man kann persönliche Qualitäten der beteiligten Menschen bei dieser Arbeit nicht ausklammern oder neutral gestalten wollen. Die Persönlichkeit des Lehrers muss als Teil der Wirkung gesehen werden.

Warum ist die Sicherheit so wichtig? Angst im weitesten Sinne dämpft die Selbstwahrnehmung und erzeugt eine Spannung in den Beugemuskeln des Körpers, die uns nicht bewusst ist, aber das ganze Bewegungsrepertoire beeinflusst und die Beweglichkeit der Gelenke unmerklich einschränkt. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem Wunsch nach Rückzug (Beugung in Schultern und Hüften) und der Notwendigkeit, aktiv für die Lebensbedürfnisse zu sorgen (Überstreckung der Halswirbelsäule und Lendenwirbelsäule), der in diesen genannten Bereichen zu den bekannten, weit verbreiteten Beschwerden führt. Wenn der Tonus der Beuger und Strecker nach einer Feldenkrais-Lektion ausgeglichener ist, sieht man oft eine deutlich veränderte Haltung, die der Patient als eine Veränderung seines Selbstgefühls, seines Platzes in der Welt, und als guten Bodenkontakt erlebt. Tatsächlich entspricht dies auch eher einer Haltung, aus der heraus jederzeit ohne vorherige Umorganisation spontane Bewegung in alle Richtungen möglich ist.

Die Angst-Spannung ist nicht nur Folge von erschreckenden Erlebnissen und Stress generell, sondern sie bietet durch die (ängstlich) gebeugte Haltung auch Gefühle von Schutz, Trost, Geborgenheit. Deshalb richten sich Menschen in dieser Haltung ein, und die Aufrichtung kann erst nach und nach übernommen werden, wenn der Mensch sich ihr gewachsen fühlt.

Der Tonus-Ausgleich wird in der Feldenkrais-Methode zunächst durch Reduzierung unbewusster, gewohnheitsmäßiger Spannung erreicht, da hierdurch der Grundreiz verringert wird (s.oben). Muskelspannung lässt sich u.a. auch reduzieren, indem man durch Unterstützung die Arbeit des Muskels vorübergehend überflüssig macht, so dass er sich entspannen kann.

Will man eine Bewegung verändern, ist es außerdem hilfreich, Alternativen aus dem Problem-Kontext gelöst in ungewohnten Haltungen auszuprobieren. So werden die alten, ungünstigen Bewegungsgewohnheiten nicht ins neue Spiel gebracht, und das Schmerzgedächtnis wird nicht berührt. Für Musiker und Sänger bedeutet dies z.B., dass sie nicht in ihrer Musikausübung korrigiert werden, sondern als Mensch erweiterte und verfeinerte Bewegungs- und Empfindungsmöglichkeiten erleben, die ihnen das Musizieren erleichtern und die persönliche, den Zuhörer berührende Interpretation entstehen lassen.

Feldenkrais wählte den Ausdruck „organisches Lernen“ für die Verarbeitung der selbst gemachten Erfahrung. Je besser die Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit, desto reichhaltiger sind die Erfahrungen, die den Menschen anregen und seine Entscheidungsgrundlage vergrößern.

Im verbal angeleiteten Gruppenunterricht („Bewußtheit durch Bewegung“) ebenso wie im nonverbalen Einzelunterricht („Funktionale Integration“) ergibt sich aus angeleiteter bzw. geführter Bewegung immer wieder die Aufforderung, zu spüren, was sich bewegt und in welcher Qualität. Meine Erfahrung ist, dass Teilnehmer in Gruppenkursen durch das „Einüben“ der Selbstwahrnehmung eine deutliche Zunahme der Fühlfähigkeit innerhalb der ersten 10 Gruppenstunden erleben. Auch in Einzelstunden berichten Patienten nach wenigen Stunden von wachsendem Gefühl und Verständnis für Gelenkbewegung und Muskelspannung.

In beiden Vermittlungsformen entsteht eine Art Dialog, bei dem Lehrer und Schüler die Beweglichkeit der Gelenke und die Wirkung der Bewegung gleichzeitig fühlen bzw. erforschen. In diesem Prozess erkennen die Beteiligten die individuell zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Bewegungsmöglichkeiten, und der „Lehrer“ bietet Variationen an, aus denen das Nervensystem des „Schülers“ die „ökonomische“ und derzeit passende auswählt und integriert. Jede beabsichtigte Veränderung von Bewegung wird auf diese Weise in der „Prüfungsschleife“ des unbewussten Gehirns optimiert. Prozesse dieser Art verbessern sich naturgemäß durch Wiederholung. Aber – und das ist wichtig – durch Wiederholung in minimalen Variationen, die zur Wahl stehen.

Das Ergebnis kann als Empfindung wahrgenommen werden oder in seiner Selbstverständlichkeit zunächst unbemerkt bleiben. Es ist entsteht jedenfalls intern und kann nicht von außen absichtlich herbeigeführt werden. Wann genau die Integration vollzogen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Lernen geschieht in Entwicklungssprüngen. Beispiele aus der Kindesentwicklung zeigen anschaulich, dass Funktionen Zeit brauchen, um zu „reifen“. Zeichen der erfolgten Integration einer Bewegung ist, dass sie nicht mehr nur zufällig erscheint, sondern auch absichtlich gemacht werden kann.

Wenn sich durch die Feldenkrais-Methode die Wahrnehmung verbessert und das Tun bewusst wird, bedeutet das aber nicht, dass man sich nun bewusster bewegt oder bewegen sollte! Im Moment des Tuns wird die Bewegung nur von der Handlungs-Absicht geleitet, und das umso erfolgreicher, je reicher und vielfältiger die Selbstorganisation sich unter der Oberfläche des Bewußten ausgebildet hat.

Ich beobachte oft mit Erstaunen, dass selbst sehr gute Musiker die feinen Differenzierungen von Krafteinsatz, Umfang, Richtung und Geschwindigkeit einer Bewegung nicht kennen. Dann merken sie erst in Feldenkrais-Lektionen, wie viel sie mit reduzierter Spannung, nicht-wertender Selbstwahrnehmung und respektvollem Erkennen ihrer Bedürfnisse für sich tun können. Sie konzentrieren sich in der Regel so stark auf das Instrument, dass der eigene Körper völlig in den Hintergrund tritt. Zudem sind sie oft viel zu „fleißig“, viel zu schnell und viel zu angespannt. Ihre  Versuche, Bewegungen zu analysieren und sich in einer Form von Selbst-Lenkung „bewusst richtig“ zu bewegen, führen leider oft nur zu einem Gefühl von „Selbstbehinderung“ und Verkrampfung. Das liegt teilweise auch an falschem Übe-Verhalten. Oft wird der Grund bereits gelegt, wenn eine besonders rasche Entwicklung der Fähigkeiten keine Zeit ließ für das Ausprobieren unterschiedlicher Möglichkeiten. So wird manchmal der Erfolg mit den falschen Mitteln, z.B. mit ungünstigem Krafteinsatz, erreicht. Das Üben braucht Fehler und Umwege, um variable und belastbare Wege finden und auswählen zu können. Die Art des Lernens in der Feldenkrais-Arbeit kann tatsächlich auch das Übe-Verhalten günstig beeinflussen.

Wenn es bei Musikern zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen ihrer Musikausübung gekommen ist, kann die Feldenkrais-Methode aufgrund ihrer umfassenden Sichtweise besonders erfolgreich die nötigen Veränderungen unterstützen. Sie tut das, indem sie zunächst dem Menschen und dann dem Musiker hilft, seine Funktionen und Fähigkeiten besser zu kennen und in einem Integrationsprozess „von unten“ neu aufzubauen. Dieses Schaffen einer neuen Grundlage für das Musizieren beinhaltet alle oben beschriebenen Möglichkeiten und führt zu einer allgemein größeren Gelassenheit und Ruhe. Es erfordert allerdings auch einen zeitlichen Rahmen und die Bereitschaft des Patienten, scheinbar sicheres Wissen loszulassen und die Veränderung seiner Möglichkeiten aktiv zu vollziehen. Dazu bedarf es oft auch einer Empfehlung von kompetenter Stelle.

Wenn man auf diese Weise über einen längeren Zeitraum an der Wahrnehmungsfähigkeit und Beweglichkeit arbeitet, klärt und verändert sich das Selbstbild des Menschen, die Maxime, nach der er gewohnt ist zu handeln. Größere Handlungsfreiheit erklärt Feldenkrais ausdrücklich zum Ziel seiner Methode. Ohne Klärung des Selbst-Verständnisses und der jeweiligen Handlungsabsicht ist zufriedenstellendes Handeln nicht möglich.

Gleichzeitig dient die Klärung des Selbstbildes zur Orientierung der Person in ihrer Umwelt. Man erkennt eigene Verantwortung besser, schätzt sein Handeln richtig ein und kann sich konstruktiv mit Kritik auseinandersetzen. Bei umgebungsrelevanten Problemen hilft dies, Lösungen zu finden.

„Die wahre Bedeutung des organischen Lernprozesses liegt nicht im Erreichen eines endgültigen Zieles, sonden in der Tatsache, dass uns neue Möglichkeiten fürs Lernen und zur Verbesserung eröffnet werden.“    Moshé Feldenkrais

Zusammenfassung:
Die Feldenkrais-Methode ist ein körperorientiertes, pädagogisches Verfahren, welches nach seinem Begründer Dr. Moshé Feldenkrais benannt ist. In Gruppen- oder Einzelstunden wird durch Bewegungsexperimente in ungewohnten Haltungen die eigene körperliche Organisation erforscht. Die innere Selbstwahrnehmung wird geschult und Spannung reduziert, so dass fein differenzierte Bewegung gemäß der jeweiligen Absicht möglich wird. Handlungsfreiheit und Orientierung entstehen in einem organischen Lernvorgang, der nachhaltig zu besserer Selbstorganisation, spontaner Aufrichtung und Balance führt. Atmung und Bewegung werden frei, Schmerzen können reduziert oder ihr Auftreten von vornherein vermieden werden.

Ich habe einige meiner Gedanken zusammengestellt. Das Bild der Feldenkrais-Methode ist damit noch nicht vollständig wiedergegeben. Sollten Sie etwas hinterfragen wollen, zögern Sie bitte nicht, mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich freue mich auf den Meinungsaustausch und biete Ihnen auch gerne eine Gelegenheit, die Methode auszuprobieren.

© Ilse Wilhelm, 30.6.2015