Ilse Wilhelm // Feldenkrais Hamburg

Der Blick in eine neue Weite

Die Feldenkrais-Methode an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg

„Ich fühle mich anders – so unglaublich frei!“ höre ich Studentinnen und Studenten der Musikhochschule oft nach einer Feldenkrais-Stunde sagen, und es ist Verwunderung über diese „Befreiung“ zu spüren. Frei wovon – frei wofür? Wie soll man das benennen, wenn man sich nicht mehr aufrecht halten muss, sondern aufrecht ist? Was passiert mit mir, wenn mein Horizont sich weitet, weil die Wirbelsäule aufgerichtet ist und der Blick in eine neue Weite geht? Ist das nur körperlich, oder wird es zu einem neuen Lebensgefühl? Und welche Bedeutung hätte das für meine Wachheit und Präsenz oder bei der Überwindung von Auftrittsängsten?

Veränderung enthüllt Gewohnheit

Wie kann ein Sänger Zusammenhänge zwischen Beckenboden, Zwerchfell und Gaumensegel wirklich fühlen und unterstützend einsetzen lernen? Wie bewegen sich Arme und Hände, wenn die Schultern nicht länger nach vorn gezogen sind von unbewusster, weil „schon immer“ vorhandener Spannung? Warum habe ich meine Rippen, mein Becken, meinen Hals vor dieser Stunde nicht so bewegen können? Ich atme viel tiefer, ich fühle mich im Zentrum meiner Kraft!

Von Woche zu Woche entdecken die Teilnehmer an Feldenkrais-Gruppenstunden mehr Details. Und es sind immer erst die Veränderungen, die uns klar machen, dass alte Gewohnheiten uns eingeschränkt haben – in der Bewegung, in der Haltung, in allem Handeln, also auch beim Musizieren. Dass der Mensch als ein Lernender geboren wird und zu Entwicklung fähig ist, solange er lebt, nutzt die Feldenkrais-Methode, um Bewegung zu verfeinern. Unterschiedliche Lektionen scheinen einzelne Bewegungsfunktionen verbessern zu wollen – bis man plötzlich gewahr wird, wie sehr der gesamte Mensch in Anspruch genommen ist, um daran mit zu wirken. So wird auch verständlich, warum ein Bewegungsproblem oft nicht dort gelöst wird, wo es sich zeigt, sondern indem andere Bereiche ihre Beweglichkeit wiederfinden und unterstützend eingesetzt werden können.

Feldenkrais öffnet den Weg zur Selbstorganisation

Um Beweglichkeit in sich selbst zu entdecken, ist es nötig, vieles wertfrei zu probieren, sich hierfür auch Zeit zu geben und die Langsamkeit als Raum für Beobachtung zu entdecken. Das Gehirn wird auf diese Weise angeregt, Bewegungsmuster ökonomischer anzulegen – ohne dass wir uns selbst korrigieren müssten. Leichtigkeit und Eleganz sind Maßstab für die Qualität von Bewegung. Auf der Grundlage „umkehrbarer“ Bewegung entwickelt sich Spontaneität, die Moshé Feldenkrais als den höchsten Grad von menschlicher Reife bezeichnet hat.

„Bleibt mir das Gelernte erhalten?“ oder „Soll ich diese Übungen zu Hause weiter machen?“ fragen manche. Was gibt es zu üben, was will man „behalten“, wenn das Lernziel doch ist, sich selbst intensiver zu spüren, flexibler zu reagieren und nach neuen Wegen zu suchen? Zwei Semester zu Beginn des Studiums ist eine sehr kurze Zeitspanne, um die Methode kennen und schätzen zu lernen. Dringlicher wird die Suche nach Bewegungsverfeinerung und besserem Umgang mit Überbelastung oft erst für Studierende der höheren Semester sowie beim Übergang in den Beruf. Hier kann die Feldenkrais-Methode für jeden einzelnen, integriert in den Arbeitsalltag als Musiker, eine wirkliche Hilfe sein, z.B. bei der Prävention möglicher berufsbedingter Erkrankungen.

Die Hochschule für Musik und Theater Hamburg ermöglicht den Studierenden das Kennenlernen der Feldenkrais-Methode und zeigt ihnen damit einen Weg, auf dem eine gute Selbstorganisation erlernt werden kann.